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Die große Gasverschwendung in Afrika

8 Sep 2011 08:40 | Wirtschaft

Selbst in finsterster Nacht findet Helen Ikri mühelos den Weg zu ihrem Arbeitsplatz. Sie geht nur dem weithin sichtbaren Schein dem Fauchen und der Flammen des austretenden Gases nach. An dem Zaun um die Anlage schließt ein Wärter der 35-Jährigen wortlos ein Gittertor auf. Vorbei geht es an Schildern, die das Trocknen von Cassava, Pepperoni oder Kleidern verbieten, zu einem Fußballfeld großen Areal, das wie das Set für einen Apokalypse-Film wirkt: Zwei waagerecht gezogene Rohrleitungen speien mehrere Meter lange Flammen aus, in deren Schein die Schatten von Gestalten wahrzunehmen sind.

Stolz bietet die fünffache Mutter eine Geschmacksprobe ihrer Produktion an: Geröstete Cassava-Flocken, Popo Gari genannt, die wie fade getrocknete Kokosflocken schmecken. Die Cassava-Wurzeln werden geraspelt und auf Strohmatten in gebührendem Abstand zu den Flammen auf dem Boden mehrere Stunden getrocknet. 20 Matten schafft Helen am Tag, seit ihrem zehnten Lebensjahr. Ihre Mutter brachte ihr das Trocknen des beliebten Snacks bei, jetzt gibt sie die Kunst an ihre 13-jährige Tochter weiter.
Uzere im Zentrum des Nigerdeltas in Nigeria: Eine von Hunderten Anlagen zur Abfackelung von Erdgas, die Afrikas größtes Erdölfördergebiet wie Laternen einen Märchenpark erleuchten - die Flammen sind selbst auf Satellitenbildern zu sehen. Die Dorfbewohner haben gelernt, die Anlage zu ihrem zweifelhaften Vorteil zu nutzen.

Die Verbrennung des Erdgases kann Ärzten zufolge 250 verschiedene Gifte freisetzen, die Krebs, Asthma, chronische Bronchitis und Blutveränderungen hervorrufen können. Helen erzählt von gelegentlichen Kopfschmerzen und einem Stechen in der Brust. Medizinische Erhebungen zu den Gesundheitsfolgen des verbrannten Gases gibt es nicht. Bekannt ist hingegen, dass die Lebenserwartung der Delta-Bevölkerung mit 41 Jahren sieben Jahre kürzer ist als die in anderen Landesteilen.
Betrieben wird die Anlage von der Mineralölgesellschaft Shell. Dem Konzern wird schon vorgeworfen, mit dem bei der Produktion regelmäßig austretenden Rohöl weite Teile des Deltas zerstört zu haben: Die Säuberung des Gebiets von der Größe Englands würde laut Uno 1 Mrd. Dollar kosten und 30 Jahre dauern. Dem größten ausländischen Ölproduzenten in Nigeria wird ein gehöriges Maß der Mitschuld für das Umweltdesaster zugeschrieben, zu dem - selbst wenn Helen Ikri davon lebt - auch das Abfackeln des Gases gehört.
Denn die jahraus, jahrein lodernden Flammen setzen nicht nur Gifte in der unmittelbaren Umgebung frei: Sie sorgen auch für sauren Regen, der Böden unfruchtbar macht und Löcher in die Blechdachhäuser frisst, und gelten als die größte Quelle von Treibhausgasen südlich der Sahara. Nigeria ist der zweitgrößte Gasabfackler der Welt: Jährlich werden rund 20 Milliarden Kubikmeter nutzlos verbrannt. Es entstehen fast 50 Millionen Tonnen Kohlenwasserstoffe - soviel wie die Abgase von 30 Millionen Autos.

QUELLE:  FTD

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